Kann Selbstlernkompetenz Erfahrung ersetzen?

Kann Selbstlernkompetenz Erfahrung ersetzen?

In meiner Werbung finden Sie keine “langjährigen Erfahrungen”. Es zeugt von einem statischen Weltbild, wenn durch Fortschreiben von Altbewährtem die Zukunft vorhergesagt werden soll. Warum Lernkompetenz wichtiger ist als über Prozesswiederholung gewonnene Erfahrung, finden Sie mitsamt Belegen im folgenden Text.

Viele Personalverantwortliche bevorzugen Bewerber, die die ausgeschriebene oder angedachte Position schon kennen und bereits in anderen Unternehmen diesen oder jenen Erfolg vorweisen können. Andere Geschäftsführer haben mit unerfahrenen, aber lernwilligen und schlauen neuen Mitarbeitern gute Ergebnisse erzielt. Der alte Hase oder der schlaue Fuchs? Wer wird gewinnen? Und: können nur junge Menschen lernen oder ist das lebenslang möglich?

Quantitative Studien zu diesem Thema sind nicht einfach durchführbar. Es gibt psychologische Tests, mit denen Lernerfahrung und Risikofreude verglichen werden können. In qualitativen Studien spielt die Unternehmenskultur eine große Rolle. Kann der unerfahrene, lernwillige Bewerber punkten oder muss es spezieller Kandidat sein, der zu den anderen Menschen im Betrieb passt?

Donald Trump und Führung

Ein Beispiel ist die Administration Trump in den USA. Politisch Unerfahrene Führungspersönlichkeiten kommen mit dem Anspruch, alles besser zu können als die Vorgänger. Es fehlt zudem der gezeigte Wille sich an das Amt anzupassen, sich an den Normen zu orientieren. Das mag einigen Wählern gefallen, die manche gesellschaftlichen Normen und Konsense schon immer für überflüssig und ausgrenzend hielten.

Ist Erfahrung alles?

Claudio Fernández-Aráoz, ein bekannter Autor und Personalberater bei Egon Zehnder schreibt über “Wie Sie Talente erkennen”. Er schlägt vor, dass sich Personalmanager bei der Auswahl anstelle auf die Kompetenzen auf das Potenzial der Kandidaten konzentrieren. Darunter versteht er die Fähigkeit, sich auf immer neue, komplizierte Aufgaben hinein zu versetzen und sich so auf ein Umfeld einzustellen, das ständigem Wandel unterliegt.

Vernichtet das Alter die Selbstlernkompetenz?

Ja und nein. Es gibt viele Studien, die die Fähigkeiten älterer Menschen zum Lernen belegen. Und es gibt andere Studien, die zeigen dass das Gehirn mit dem Alter schwerfälliger wird. Dies lässt sich per Hirnstrom- und Reaktionsmessungen belegen. Andere Studien sagen: es liegt am Individuum. Manche erklären ihre persönliche Entwicklung schon mit 40 für abgeschlossen und verweigern jede neue Lernerfahrung, andere dagegen wünschen noch mit 70 oder später neue Erfahrungen und möchten lernen.

Sich an der Vergangenheit orientieren ist nicht immer gut

Laut Fernandez-Araoz sagt der Nachweis von in der Vergangenheit gelösten anspruchsvollen Aufgaben gelöst zu haben sage nur bedingt etwas über die Fähigkeit aus, neue Aufgaben in der Zukunft erfolgreich zu lösen. Die Erfahrung kann in viel zu eingefahrene Wege locken.

Personalmanager neigen dazu, die Stellen mit Menschen zu besetzen, die in der Vergangenheit ähnliche Aufgaben schon mal gelöst haben. Im Falle des Scheiterns ist der Personaler so abgesichert – er kann auf die gute Qualifikation des Bewerbers hinweisen. Die Bewerberauswahl nach Kompetenz stellt damit viel höhere Anforderungen an die Verantwortlichen. Kompetenz messen ist nicht einfach und setzt voraus, dass der Prüfer die wichtigen Fertigkeiten des Bewerbers kennt.

Was sagen Zeugnisse aus?

Auch Lehrer und Prüfungen haben hier Grenzen. Abschlusstests zeigen lediglich, inwieweit der Kandidat die Lernziele erreicht hat. Gute Prüfungsergebnisse sind für den Kandidaten mit Arbeit verbunden. Deshalb haben zwei Gruppen die besten Ergebnisse: diejenigen ohne direkte Perspektive, die einfach Bestätigung über Noten suchen, und als zweite Gruppe Menschen, die jede von Autoritäten gegebene Aufgabe sehr gut erfüllen wollen, um die Auszeichnung zu erhalten. Diese werden auch “Insecure Overachievers” genannt. Erfahrungen aus der Berufsausbildung zeigen, dass Absolventen mit mittleren Noten der Berufseinstieg genauso gut gelingt wie denen mit Bestnoten. Manche Menschen können wichtig und unwichtig trennen und haben realistische Ziele, andere nicht.[1]

Fernandez-Araoz schreibt: suchen Sie nach “Motivation, Neugier, Scharfblick, Engagement und Entschlossenheit”. Eine Herausforderung für Testpsychologen. Bereits in der Ausbildung lassen sich solche Menschen identifizieren. Es sind jedoch nicht unbedingt diejenigen, die die besten Noten erhalten – insbesondere dann, wenn die Noten sich auf auswendig gelerntes Wissen beziehen. Dies begrenzt Aussagekraft von Schulzeugnissen über Kompetenzen. Motivation, Neugier, Engagement und Entschlossenheit sind Teilaspekte der Selbstlernkompetenz.

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Siehe auch Blog-Beitrag von Svenja Hofert über “unsichere Leistungsmenschen”. Natürlich könnte es auch alles anders herum sein und die mittelmäßigen Absolventen von Universitäten werten sich mit Texten über “Insecure Overachievers” nur auf.

Published by Johannes Winterhalter
ich bin spezialisiert auf die Schnittstelle von Vertrieb, Pädagogik und Marketing für Händler, Dienstleister, Trainer, Berater und Coaches. Als Schulleiter an privaten Bildungseinrichtungen, EDV-Administrator und Marktforscher habe ich schon viele Unternehmen bezüglich Öffentlichkeitsarbeit, Werbung und Internetauftritt beraten oder war an entscheidender Stelle. Als gelernter Marktforscher habe ich viele Möglichkeiten, etwas über die Einstellungen von Menschen zu erfahren und potentielle Kunden zu identifizieren. Sie können sich zurück lehnen und dem widmen, was Sie am besten können, ihre Kernkompetenzen für Ihre Kunden einsetzen.

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